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Kaplanei Stallehr

Schon nach verhältnismäßig kurzer Zeit hatte sich die Kirche von Stallehr zu einer gernbesuchten Wallfahrtsstätte emporgerungen. Es war daher sehr verständlich, daß sich die Bewohner darum bemühten, einen ständigen Priester zu bekommen. Das diesbezügliche an den Bischof von Chur im Jahre 1728 gerichtete Schreiben ist zwar nicht mehr vorhanden, doch ist aus dem, die darauf folgenden Verhandlungen berührenden Aktenmaterial zu ersehen, daß die Stallehrer sowohl bei der Stadtverwaltung als auch beim Stadtpfarrer energischen Widerstand fanden. Bischof Ulrich VII. v. Federspiel stand dem Ansuchen der Stallehrer sehr geneigt gegenüber und ordnete deshalb in dieser Sache auf den 30. August 1728 eine Tagsatzung nach Feldkirch an. Als seinen persönlichen Vertreter setzte er den Pfarrer von Tosters ein; es war dies der Dekan des drusianischen Kapitel. Kanonikus Dr. th. Franz Karl von Pellern.

Noch vor dem Zustandekommen dieser Tagsatzung, protestierten der Stadtrat, wie der Pfarrer von Bludenz schriftlich in sehr energischem Tone gegen die Errichtung des Postens eines "vicarius curatus" an der Filialkirche zu Stallehr. In der Berufung gegen diese Neuerung führten die Bludenzer unter anderem aus: Das Gesuch der Impretanten sei gegen den Stadtrat als Administrator und Kastenvogt der Kapelle ohne dessen Wissen eingereicht worden. Gleichzeitig hätten die Stallehrer damit den ersten Schritt getan, um nach und nach sich aller Kirchspielsrechte welche der Obrigkeit zuständen, zu ermächtigen. Solche Zugeständnisse der Mutterkirche würden für gewöhnlich nur in ganz wichtigen Fällen verliehen, was bei Stallehr keineswegs zutreffe. Stallehr liege nur ca. eine halbe Stunde von der Pfarre Bludenz entfernt und habe nur 10 Häuser. Die Pfarrkirche erleide, wenn dem Begehren der Gesuchsteller entsprochen werde, erheblichen Nachteil, weil ihr dadurch "Oblationes, decimae et primitiae" entzogen würden. Es sei in diesem Falle auch sehr naheliegend, daß der Mutterkirche von der Filiale nicht mehr geholfen werde. Die Einkünfte der Kirche von Stallehr seien bisher nie angegriffen worden. Ein solcher Eingriff käme auch nur im äußersten Notfall in Betracht. Dies habe man auch bei dem erst kürzlich durchgeführten "kostspieligen" Baues der Pfarrkirche bewiesen. Für diesen Zweck seien nicht, wie die Impretanten glaubhaft machen wollen, die Gelder "Unserer lieben Frau zu Stallehr" sondern neben verschiedenen Spenden aus der Bürgschaft die Fonde des "Betteltuches", der Spend und des Spitalamtes" verwendet worden. Die Stallehrer hätten trotzdem sie abseits der vielbegangenen Landstraßen seßhaft seien, ein eigenes Wirtshaus errichtet. Um dieses rentabel zu gestalten benötigen sie nun einen ständigen Kuraten, denn wenn sie einen solchen bekämen, würden sich wahrscheinlich mehr Leute als bisher zur dortigen Wallfahrtsstätte bequemen und die Stallehrer hätten dann Gelegenheit durch Verabreichung von Zehrung Geschäft zu machen. Die Forderung nach einem ständigen Geistlichen liege aus diesem Grunde weniger die ehre Gottes, als ein kommerzielles Interesse zu Grunde.
Gleichzeitig wurde auf einen ähnlichen Fall verwiesen, nämlich: Die Gemeinde Schruns beabsichtigte auf die nach St. Gallenkirch gehörige Filialkirche Gargellen einen Priester zu setzten, was aber anläßlich der bischöfl. Visitation am 24. Juli 1721 abgewiesen worden sei, trotzdem schwerwiegende Gründe für eine ständige Besetzung gesprochen hätten.
Weiters führten sie aus: Die Stifter und Gründer der Kapelle zu Stallehr waren Bludenzer Bürger, was aus dem Zinsbüchlein einwandfrei erwiesen werden könne. Ebenso erwiesen sei, daß die Kolp, Zürcher u. Zimmermann die größten Beiträge geleistet hätten, dazu komme noch, daß der Stadtrat durch beispielgebende Verwaltung des Stiftungskapitals der Kapelle einen bedeutenden finanziellen Aufschwung gebracht habe. Aus diesem Grunde behalte sich die Stadt das Recht der "erectio und dedatio" solcher "dispositiones" vor, welche sich die Stallehrer völlig unberechtigt aneignen möchten.
Zur Tagsatzung in Feldkirch am 30. August 1728 erschien als Beauftragter der Gemeinde Stallehr, Heinrich Bargehr. Stadt und Pfarre Bludenz war durch den Stadtschreiber Barbisch und Stadtpfarrer Christian Schueler vertreten. Johann Andreas Weinzirl, Geistlicher in Feldkirch, amtierte als Protokollführer.
Hauptpunkte der Verhandlung waren: (Siehe Ulmer: Pfarrbeschreibung Stallehr).
Der Stadtpfarrer von Bludenz verwies zunächst auf die im Fall der Kuratie - Errichtung zu gewärtigenden Unzukömmlichkeiten hin: Schädigung der Pfarre durch Entzug von Stiftmessen, schlechter Kirchenbesuch in der Pfarrkirche, da diesfalls nicht nur die Leute von Stallehr, sondern auch von Brunnenfeld, Lorüns, Bings, St. Leonhard, Radin, Grubs und Braz ausblieben und die Predigt versäumten; die Ermöglichung liederlicher Zusammenkünfte, Spiele usw. Der Stadtschreiben betonte, wie der Rat von Bludenz Administrator und Kastenvogt der Kapelle von Stallehr sei und das "jus advocatiae" habe und brachte sodann der Reihe nach die im besprochenen Protestschreiben der Bludenzer angeführten Gegengründe vor. Der Vertreter von Stallehr nahm mit Geschick zu den einzelnen Punkten Stellung.
Betreffs der von der Stadt beanspruchte Kastenvogtei bemerkte er, man lasse dies dahingestellt, doch möchte er hierüber ein authentisches Schriftstück sehen. Weiters, man wünsche eine Kaplan hauptsächlich wegen der von auswärts kommenden "Pilgrame", damit sie an Sonn- und Feiertagen eine hl. Messe hätten. Wegen des Opferganges brauche man sich keine Sorge zu machen. Stallehr erkläre sich bereits, ein jährliches gewisses Quantum zu akkordieren; man habe reichliche Zinserträgnisse, nicht nur 115 fl, sondern noch 150 fl mehr und man wolle, wenn ihnen ein Kaplan verstattet würde, diese, 70 fl ersetzen und dazu für Erhaltung von Kirche und Kirchenzierde sorgen.
Rede und Gegenrede zwischen den streitenden Parteien wurde in klarem energischem Tone geführt und keine der beiden Teile blieb dem anderen etwas schuldig. Das dabei abgefaßte Protokoll enthält auch das Gutachten des geistlichen Offiziums bzw. des bischöftlichen Kommissärs. Dieses verweist vorerst auf die alte, vielbesuchte Wallfahrtskapelle St. Arbogast. Dieser Hinweis vermittelt, daß dort der Frühmesser von Götzis wöchentlich an zwei bestimmten Tagen, nämlich Dienstag und Samstag (Feiertage ausgenommen), eine hl. Messe zu lesen, Beicht zu hören und die hl. Kommunion auszuteilen habe. Dies sei möglich, weil sich in jener Kapelle ein Tabernakel mit Ziborium befinde. An Festen würden dort lediglich das Patrocinium und das Kirchweihfest gefeiert. In der Kapelle Mariahilf zu Batschuns seien dieselben Umstände nur befinde sich dort kein Tabernakel. Bezüglich Stallehr verhalte es sich nach dem Stande der Akten: Die Stallehrer verlangten einen Kaplan, aber nicht für sich, sondern nur für die Wallfahrer. Nachdem Stallehr gegenüber St. Arbogast bedeutend weniger Pilger aufweisen könne, sei dies ein sehr fadenscheiniger Grund. Stallehr biete zur Erhaltung eines ständigen Kaplans 70 fl an, die aber bei weitem nicht ausreichten, besonders weil dieser mit Applikation von wöchentlich zwei hl. Messen und der Pflicht täglich zu zelebrieren, abgefunden werden solle. Außerdem hätten die Stallehrer die erforderlichen Mittel nicht, welche sie benötigten um der Pfarre Bludenz die entgehenden Stiftmessen nur einigermaßen zu ersetzen, wo sie doch wie sie selbst behaupten, seelsorglich verbleiben wollenden. Ein weiterer Umstand sei, daß ein großer Teil der Bewohner von Braz, Radin. Grubs, Hintergastenz, St. Leonhard, Bings, Brunnenfeld und Lorüns sich mit dem Besuch einer hl. Messe in Stallehr begnügten und sich des Besuches der Predigten und anderer Gottesdienste enthielten. Das Gutachten des bischöflichen Kommissärs enthält schließlich auch den Entwurf für das zu fällende Urteil des hochgeistlichen Tribunals zu Chur, das von den Schiedsrichtern auch vollinhaltlich übernommen wurde. Dieser richterliche Spruch in "strittiger Kaplaneierrichtung und Haltung des Gottesdienstes" in der Kapelle zu Stallehr zwischen der Mutterkirche zu Bludenz als Klägerin und der Filiale als geklagtem Teil wurde am 2. Oktober 1728 zu Chur gefällt.
Er besagt folgendes: Den Gesuchstellern von Stallehr wird die Unterhaltung eines eigenen Kaplans abgesprochen. In Stallehr sollen jedoch wöchentlich zwei hl. Messen u.z. am Mittwoch und Samstag, gelesen werden. Sollte auf einen dieser Tage ein Feiertag fallen, so solle die Messe am Tag zuvor gelesen werden. Die Messen solle der jeweilige Stadtpfarrer und nur im Verhinderungsfalle von einem anderen durch ihn hiezu abgeordneten Priester für die Stifter und Wohltäter der Kapelle appliziert werden; dem zelebrierenden Priester sind dafür jedesmal 30 Kreuzer zu reichen.
Die Kapellweihe und das Patrozinium sollen hochfeierlich mit Predigt und Choralamt zu halten sein.
Um den Wallfahrten am Orte Beicht und Kommunion zu ermöglichen, kann in der Kapelle ein Beichtstuhl und ein Tabernakel für ein Ziborium errichtet werden. Den Tabernakelschlüssel hat der Stadtpfarrer zu verwahren; Die Sakramentenspendung darf nur durch diesen bzw. durch einen von ihm hiezu abgesandten Priester erfolgen.
Betreffend aller im Urbarium dermalen enthaltenen und künftigen Stiftungen für die Kapelle hat es bei der bischöflichen Ratifikation vom 17. Juli 1646 und jener vom 21. Februar 1698 zu verbleiben und zwar dergestalten, daß zu keinen künftigen Zeiten der Magistrat zu Bludenz oder der dortige Pfarrer ohne ausdrückliche Genehmigung des Bischofs ermächtigt sein soll, Stiftungen von der Kirche zu Stallehr abzuziehen oder die Kapitalien anderweitig zu verwenden. Alle Stiftungen und Kapitalien haben in den Händen des Kirchenpflegers von Stallehr zu verbleiben, dieser aber habe stets innerhalb von zwei Jahren dem Magistrat zu Bludenz Rechnung zu legen. Die aufgelaufenen Spesen sollen von beiden streitenden Parteien zu gleichen Teilen getragen werden.
Schon am 21. Oktober 1728 erhob der Stadtrat von Bludenz gegen den Punkt 4 der bischöflichen Entscheidung, Einspruch und brachten hiebei folgende Argumente vor:
Sie bezeichneten das den Stallehrern gemachte Zugeständnis, die Briefschaften und Bücher der Kapelle verwalten zu dürfen, als einen schweren Eingriff in die Rechte der Stadt, wodurch die Kastenvogtei derselben über die Wallfahrtskirche zu "Unserer lieben Frau zu Stallehr" in Frage gestellt sei. Bürgermeister und Rat bemühten sich in dieser Beschwerdeschrift an den Bischof zu beweisen, daß die Verwaltung des Kapellenvermögens einzig und allein der Stadt zustehe und daher unter keinen Umständen in den Händen der Stallehrer verbleiben dürfe. Die Bludenzer brachten vor, daß die meisten Stiftungen von den Bürgern der Stadt gemacht worden seien, der Rest aber sei größtenteils aus Zinsen angewachsen. Schließlich führten sie an, daß der Gründer der Kapelle, Hand Eble nach Bludenz "verdient" gewesen sei. Die Bestätigung des Instrumentes im "etract ex Urbario" wonach Hans Bargehr die erste Stiftung getätigt habe u.z. mit der Bedingung, daß die Verwaltung in Stallehr verbleiben müsse gegen Widerruf seiner Stiftung, sei von den Stallehrern erschlichen worden. Auch verwiesen sie darauf, daß dem Ratsprotokoll vom 24. März 1640 zu entnehmen sei, daß Georg Seeberger vor den Rat beordnet und von diesem als Kirchenpfleger für Stallehr in Eid genommen wurde. Damit aber sei erwiesen, daß die Kastenvogtei über die Kapelle von Stallehr schon eine geraume Zeit bevor man das Urbar angelegt habe, der Stadt zugehörig gewesen sei. Aus diesem Grunde bitte die Stadt, sie bei ihrem alten recht zu belassen. Die Stadt verpflichte sich wie von alters her "ehrbare" Einzieher der Zinsen stellen und die Verwaltung des Kapellenvermögens "getreulich" vornehmen zu wollen.
Fast zwei Jahrzehnte herrschte nun Ruhe zwischen den beiden Gemeinden in der Angelegenheit Kuratie, bis anderweitige Differenzen Anlaß zu neuem höheren Einschreiten gaben.
Die Vergrößerung der Pfarrkirche zu Bludenz in den Jahren 1740 - 44 verschlang enorme Gelder, trotzdem ein Großteil der Arbeiten in freiwilligem Frondienste getätigt wurden. Stadt und Pfarre Bludenz wandten sich aus diesem Grunde mit der Bitte um die Entnahme von 800 fl aus dem Vermögen der Kapelle von Stallehr bewilligen zu wollen, an die kirchliche Oberbehörde. Der Bischof genehmigte diese Ansuchen der Bludenzer tatsächlich, doch war er wie die Stallehrer der Ansicht, daß es sich nur um eine leihweise Entnahme handle. Die Bludenzer hingegen betrachteten dieses Geld als einen pflichtmäßigen Beitrag der Filiale an die Mutterkirche. Diese Meinungsverschiedenheit zog einen siebenjährigen Streit der beiden Parteien nach sich welcher schließlich im Jahre 1751 sowohl durch das geistliche in Chur als auch durch die weltliche Obrigkeit in Innsbruck dahingehend entschieden wurde, daß Bludenz den Betrag von 800 fl mit Zins und Zinseszinsen wieder an die Kapelle von Stallehr zurückzahlen mußte.
Während dieses Streitfalles unternahmen die Stallehrer im Jahre 1746 einen neuerlichen Anlauf um einen Kuraten für ihre Kirche zu bekommen. Damals lag das ganze Montafon mit Bludenz wegen der Errichtung eines eigenen Gerichtes in Schruns im Streit. Der bischöfliche Provikar entschied aber, daß es in der unfriedlichen Zeit nicht tunlich sei auch noch solche Probleme zu den anderen Streitpunkten aufzuwerfen, sodaß es weiterhin bei alten Zustande verblieb.
Um das bisher nicht erreichte doch durchzusetzen zu können, setzten sich im Jänner 1749 die Stallehrer und Lorünser zusammen und versuchten mit einer gemeinsamen Eingabe an den Bischof das nun einmal gesteckte Ziel zu erreichen, wobei sie das Versprechen abgaben, wenn ihre bescheidene Bitte genehmigt wurde, für den Unterhalt des Kaplans schon sorgen zu wollen.
Mit Schreiben vom 11. Jänner 1749 beauftragte sodann der Bischof von Provikar Batlogg aus Bürs die Sachlage sowohl in Stallehr als auch bei der Stadt und Pfarre Bludenz zu prüfen, was dieser auch unverzüglich tat. Bürgermeister Johann Michael Barbisch und Stadtpfarrer Engelbert Tschofen reagierten ebenfalls unverzüglich und legten dem Bischof in einem am 31. Jänner 1749 abgefaßtem Schreiben ihre für die Ablehnung des Gesuches sprechenden Gründe dar. Diese Gegengründe dürften jedoch nicht stichhaltig genug gewesen sein, denn mit Erlaß vom 12. April 1749 genehmigte Bischof Josef Benedikt von Chur den Stallehrern die Errichtung einer Kuratie. Das vom Gubernium in Innsbruck am 14. November 1749 ausgestellte Genehmigungsdekret enthält jedoch die Bedingung, daß das Repräsentationsrecht in Bezug auf die Pfründe der kaiserl. Majestät vorbehalten bleibe. Die Stallehrer hatten jedoch des Recht, bei Neubesetzung, Drei Personen als Kuraten vorzuschlagen. Gleichzeitig wurde verfügt, daß die Kirchenrechnungen für die Filialkirche alle zwei Jahre dem Stadtpfarrer, dem Kurat und dem Bludenzer Vogteiverwalter vorzulegen seien. Die Gemeinde Stallehr stimmte dieser Forderung in einem vom 7. Jänner 1750 ddt. Schreiben formell zu. Die Stadt Bludenz war somit für alle Zeiten aus der Kirchenangelegenheit Stallehr zumindest theoretisch ausgeschlossen. Praktisch übte sie dennoch in der Kirchenkonkurrenz Bludenz -Lorüns - Stallehr bis zum Jahre 1939 einen gewissen Einfluß auf Stallehr aus.

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