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nach 1947

Einer der beiden Hauptverantwortlichen des Zeitgeschichtebandes, Herr Norbert Schnetzer, verfügt übrigens über einen speziellen Bezug zu Stallehr, hat er doch vor einiger Zeit begonnen, einen Beitrag über die Eingemeindung Stallehrs nach Bludenz während der Zeit des Zweiten Weltkriegs zu verfassen.

Bereits kurze Zeit nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland im Jahr 1938 startete nämlich die Stadt Bludenz nach dem Vorbild anderer Städte und Gemeinden in Vorarlberg erste Aktivitäten hinsichtlich der Eingemeindung angrenzender Ortschaften. Der Bludenzer Bürgermeister Hutter begründete seine Initiative u. a. mit – allerdings umstrittenen – wirtschaftlichen Vorteilen für die beteiligten Gemeinden und der wesentlichen Verbilligung der Verwaltungskosten. Letztlich ging es ihm aber weit mehr um eine Erweiterung der begrenzten räumlichen Ausdehnungsmöglichkeiten von Bludenz. Denn in der Tat durfte die Stadt mit einer ganzen Reihe von größeren Bauvorhaben rechnen, deren Situierung in Bludenz nicht zuletzt von geeigneten Bauplätzen abhängig war. Am 22. Juli 1938 fand in Bludenz eine Besprechung zur Frage der Eingemeindung von Bürs, Nüziders, Lorüns und Stallehr statt. Mit Ausnahme von Stallehr wandten sich alle Gemeinden entschieden gegen diese von der Stadt Bludenz ausgehenden Bestrebungen. In einem gemeinsamen Schreiben lehnten die Bürgermeister jede weitere Verhandlung ab.

Lediglich die Gemeinde Stallehr, die vor allem aus wirtschaftlichn Gründen bereits im 19. Jahrhundert mehrfach die Stadt Bludenz um eine politische Vereinigung ersucht hatte, stimmte
der Eingemeindung zu. Als ausschlaggebender Grund wurde – allerdings im nachhinein – das ungünstige Verhältnis zwischen dem Aufwand für Verwaltung und Schule und der kleinen Einwohnerzahl mit ihrer geringen Steuerkraft angeführt. Am 24. September 1938 wurde der Vereinigungsvertrag unterzeichnet, sechs Tage später, am 30. September, trat er in Kraft.

Der Zusammenschluss mit der Gemeinde Lorüns kam nicht zustande, obwohl hier von Stallehr zusätzlich rechtliche Gründe namhaft gemacht wurden. Stallehr und Lorüns bildeten eine Katastralgemeinde, deren Grenzen nicht einwandfrei feststanden und beispielsweise mitten durch den Gebäudekomplex der Fabriksanlagen der Vorarlberger Zementwerke Lorüns A.G. verliefen.
Alle diesbezüglichen Verhandlungen scheiterten jedoch ebenso, wie die im September 1940 angelaufenen Bemühungen hinsichtlich der Einrichtung einer Bürgermeisterei für die Stadt Bludenz und die Gemeinde Lorüns.

Die während der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Vorarlberg durchgeführten Vereinigungen von Gemeinden konnten – sofern es die Bevölkerung wünschte – nach dem
Krieg wieder rückgängig gemacht werden. Für Stallehr datieren erste diesbezügliche
Bestrebungen in die Zeit unmittelbar nach dem Krieg. Ein in diesem Sinne lautendes Ansuchen
an die Stadtvertretung wurde von dieser vorerst zurückgestellt, "da diese Angelegenheit nicht
unter die derzeit vordringlichen Geschäfte der Verwaltung der Stadt Bludenz" falle. Eine
endgültige Entscheidung solle der zukünftigen Stadtvertretung vorbehalten bleiben.

Im Auftrag der Landeshauptmannschaft musste sich die Stadt jedoch recht bald mit dieser Frage beschäftigen. In einer am 16. Jänner 1946 stattgefundenen Sitzung sprach sich der überwiegende Teil der Bevölkerung von Stallehr für die Wiedererlangung der Selbständigkeit aus. Die Ausgemeindung von Stallehr wäre an sich kein großes Problem gewesen, wenn nicht ein 1939 beziehungsweise 1941 zwischen Bludenz und den Vorarlberger Zementwerken abgeschlossener Kaufvertrag bestanden hätte, in dem Bludenz einen Steinbruch, die Gemeindestraße von Stallehr nach Lorüns und knapp 8,5 Hektar Wald aus dem ehemaligen Besitz der Gemeinde Stallehr an den Vertragspartner veräußert hatte. Letztlich wurde in der abschließenden Vereinbarung bezüglich der Trennung von Bludenz und Stallehr auf diese Frage gar nicht eingegangen, ihre Lösung blieb einer späteren Regelung vorbehalten.

Die Landesregierung ordnete am 1. Oktober 1946 in Durchführung des Landesgesetzes vom 21. März 1946 über die "Bereinigung von während der deutschen Besetzung Österreichs getroffenen Verfügungen auf dem Gebiete des Gemeinwesens" für den 8. Dezember die Abhaltung von Volksabstimmungen in den betroffenen Gemeinden an. Laut diesem Gesetz mussten sich in jeder Gemeinde mindestens zwei Drittel der Stimmberechtigten (Bludenz - 3849, Stallehr - 54) für den Verbleib aussprechen, um die Eingemeindung nicht rückgängig zu machen.

Offensichtlich war der Ausgang der Wahl schon im vorhinein klar, denn gerade 2,7 Prozent (also 102 Personen) der Bludenzer Bevölkerung fanden den Weg zu den Urnen. Diese stimmten mit
über 96 Prozent fast geschlossen für die Eingemeindung. Da die Stimmen der nicht erschienenen Wähler der Mehrheit zugezählt wurden, bedeutete dies für Bludenz ein Stimmenvotum von 99,9 Prozent für den status quo. Gerade einmal drei Bludenzer hatten sich dagegen ausgesprochen.

In Stallehr sah es jedoch anders aus. Von den 55 Stimmberechtigten nahmen 80 Prozent an der Wahl teil. 34 (63 %) votierten für die Eigenständigkeit, 10 (18,2 %) stimmten dagegen. Damit hatten sich die Befürworter der Trennung Stallehrs von Bludenz durchgesetzt. Mit Beginn des Jahres 1947 wurde Stallehr wieder zu einer selbständigen Gemeinde erklärt; als Amtsverwalter wurde Eugen Burtscher bestellt. Die Klärung der Vermögensauseinandersetzung dauerte jedoch noch einige Monate, bis die Verhandlungen abgeschlossen waren. Mit Stichtag 15. September 1947 gingen dann die Gemeindeverwaltungsgeschäfte auf Stallehr über.

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